
LAUDATIO
Liebe Preisträgerinnen und Preisträger,
liebe Kolleginnen und Kollegen,
sehr geehrte Damen und Herren,
ich möchte diese Gratulation mit ein paar Erinnerungsbruchstücken vom Sommer 2018 beginnen:
Drei junge Männer hüten ihr Vieh und berichten vom roten Wind und dem Geruch ihrer „Heimat“ Afghanistan. Eine Deutsche ISAF-Soldatin, die der afghanischen Bevölkerung die Demokratie mit Megafon und Reklametafeln näher bringen möchte, lehnt es ab, ein Kopftuch zu tragen. Wieder junge afghanische Männer. Sie verkaufen landestypisches Handwerk an Nato-Soldat*innen. Vielleicht als Souvenirs? Deutsche Soldaten und junge afghanische Männer, die Angst haben. Tote. Weinende. Eine afghanische Familie beim Abendessen, deren zu Hause plötzlich gestürmt wird von einer Gruppe bewaffneter Fremder: Sind das Mudschahedin, sowjetische Soldaten, Taliban, Nato-Truppen? – Ich weiß es nicht.
Es ist, wie gesagt, Sommer 2018, der alte Bahnhof in Geestenseeth – Heimathafen der Künstler*innengruppe „Das letzte Kleinod“ ist proppenvoll und die Szenen der Stückentwicklung „Kabul: homeland and hell“ reihen sich collagenartig aneinander. Es werden Stühle reingetragen und umgruppiert, damit alle Platz finden.
Vor der Vorstellung gab es heißen Tee aus dem Samowar.
Ich höre mich immer mehr rein in die Sprache der afghanischen Darsteller, die gebrochen klingt und schön und so viel sanfter, weicher und leiser als das Bühenendeutsch der beiden Schauspieler*innen, die die Soldaten spielen – mit dem Text, den ehemalige ISAF-Kräfte ihnen in den Mund gelegt haben.
Das Letzte Kleinod traut sich, auch die dunklen Ecken des Heimatdiskurses zu beleuchten. „Kabul. Homeland and Hell“ fragt nach, wo es weh tut. Heimat ist mehr als Herkunft. Aber ist sie nicht auch mehr als eine Verortung im subjektiven Inneren?
Wo findet Heimat statt?
Wer verteidigt sie wo und gegen wen eigentlich?
Und zu welchem Preis?
Wer hat ein Recht auf Heimat, auch auf eine neue, wenn die alte unsicher, unbewohnbar, tödlich geworden ist?
Wer kann wem dieses Recht verwehren?
Wo findet Menschsein statt – und spielt sonst nichts mehr eine Rolle?
Allein das Projektdesign erfordert Mut und Gestaltungswollen:
Die Erinnerungen junger Afghanischer Geflüchteter, die temporär im Landkreis Cuxhaven leben – von Heimat ist da wahrscheinlich noch nicht die Rede – und Interviews mit Bundeswehrsoldaten, die zur gleichen Zeit in Afghanistan stationiert waren, bilden die Grundlage für dieses dokumentarische Theaterstück. Ziel: Menschen, quasi nachholend, ins Gespräch zu bringen.
„Kabul: Homeland and Hell“ scheut sich nicht nach Gewalt, Angst, Verletzlichkeit und Hoffnung von Menschen in Extremsituationen zu fragen. Dieses soziokulturelle Meisterstück bringt sie mit ihren Erfahrungen zusammen und schafft einen Raum, diese sichtbar und erzählbar zu machen.
„Dem letzten Kleinod“ ist es auf beispielhafte Weise gelungen, schwierige Themen intelligent, sensibel und auf ästhetisch beeindruckende Weise in Szene zu setzen.
Wenn aus der Sprachlosigkeit zwischen Menschen ein Raum der Verhandlung wird, dann kommt man der Heimat vielleicht ein Stück näher.
Auf jeden Fall aber ist es ein Grund „Danke“ zu sagen. Ich freue mich, dass ich das heute tun darf: „Danke“ sagen im Namen der Jury des Innovationpreis Soziokultur: Danke für diesen wichtigen, mutigen und eindrucksvollen Beitrag soziokulturellen Standortbestimmung. Und natürlich: herzlichen Glückwunsch zum verdienten ersten Preis des Fonds Soziokultur für das Projekt »Kabul – Homeland and Hell« der Künstler*innengruppe „Das Letzte Kleinod“! Meine Gratulation!