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Krieg durch die Augen eines Kindes.

Rezension von Marzena Bakowska/ Radio Gdansk

Aus dem Polnischen von Julia Kawka

 

Woran erinnert sich ein Kind, das durch den Krieg traumatisiert ist? Was fühlte es beim Einsteigen in den Güterwaggons, um für immer den Ort zu verlassen? Wer zu der Aufführung „Ucieczka – Flucht“ kommt, kann sich davon überzeugen. Die Premiere fand am 15. Juli auf dem Nebengleis in Gdynia Orłowo statt. Gespielt wird hier nur bis zum 18. Juli, dann fahren die Waggons weiter an verschiedene Orte in Polen und Deutschland.

 

ERZÄHLUNGEN AUS DER KINDHEIT

Das Skript entstand aufgrund der Erzählungen von Russen, Deutschen und Polen, die in ihrer Kindheit den Krieg erlebt haben und ausgesiedelt wurden. Anfangs erzählten sie so, wie sie es gelernt haben, in der Schule und den Medien. Doch nach einer Weile öffneten sie sich und erzählten von ihren Empfindungen. Überraschend, denn sie sprachen aus der Perspektive eines Kindes. Plötzlich stellt sich heraus, dass Spiele für sie wichtig waren, Gerüche, das Empfinden der Kälte, Hunger und der Geschmack der Mahlzeiten, auch der Versuch sich so zu verhalten, wie es die Erwachsenen von ihnen erwarten. Selbst wenn die Mutter befiehlt, Selbstmord zu begehen.

 

TEILNAHME AM THEATERSTÜCK

Anfangs beobachtet das Publikum nur, nach einer Weile jedoch werden sie zum Teil des Geschehens. Eingeladen in die Waggons, können sie sich vorstellen, wie man sich fühlte, als man seinen bisherigen Lebensraum verließ. Und erfahren, wie diese Flucht ausgesehen haben musste. Das ist eindeutig der stärkste Teil der Aufführung.

Das dokumentarische Stück „Ucieczka – Flucht“ ist eine Zusammenarbeit zwischen dem Theater Das Letzte Kleinod und dem Theater Gdynia Główna. Regisseur ist Jens- Erwin Siemssen. Im Casting wählte er Schauspieler und Musiker, die unterschiedliche Nationalitäten repräsentieren. Einige verließen für eine Weile ihren Heimatort, andere für immer, was bestimmt im Finden der Charaktere hilfreich ist (z.B. im Fall von Wlada Vladislava aus Russland, Margarita Wiesner aus Kasachstan und Matylda Magdalena Roźniakowska, der in Deutschland lebenden Polin).

Gespielt wird in drei Sprachen, manche Fragestellungen zeitgleich in zwei Sprachen, andere nur einsprachig. Besondere Anerkennung verdient die Schauspielerin Katja Tannert aus Deutschland, die ohne Polnischkenntnisse in unserer Sprache spielt. Alle Künstler weisen sich nicht nur mit ihrem hervorragenden schauspielerischen Können vor, sondern auch ihrer physischen Kraft. Denn es ist schwer die riesigen, hölzernen Konstruktionen zu bewegen. Sie sind Spielzeug, Bühne, Auto, Tannenbaum zugleich, also das was die Schauspieler in unseren Köpfen hervorrufen.

 

DAS STÜCK ZIEHT WEITER

Die Aufführung „Ucieczka – Flucht“ wird bis zum 18. Juli in Gdynia gespielt, dann hat man die Möglichkeit das Stück in Piła, Poznań und Deutschland zu sehen.

Es lohnt sich zu sehen, wie in Theatersprache wahre Geschichten des Grauens des Zweiten Weltkrieges aus Kindersicht erzählt werden, sich in den Güterwaggon einsperren zu lassen um es zu fühlen. Ich empfehle das Stück als Historikerin und Tochter derer, die im Kindesalter den Zweiten Weltkrieg erlebten.                    

 
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