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Außergewöhnliche Aufführung in Güterzügen

Rezension von Łukasz Rudziński/ kulturatrojmiasto

Übersetzung aaus dem polnischen von Julia Kawka

 

Das Stück „Uciecka – Flucht“ wird zum Teil in Güterwaggons gespielt.
Die Künstlerische Leitung und die Ausführenden des Stücks „Ucieczka – Flucht“ haben etwas, was unmöglich erscheint, möglich gemacht. Sie erzählen innerhalb einer Stunde die Geschichte des Zweiten Weltkriegs auf eine außergewöhnlich schlaue und reflektierte Art und Weise. Es entstand ein Dokumentartheater, das den Zweiten Weltkrieg nach Erzählungen und Erinnerungen von Menschen beschreibt.

Obwohl das Stück „Ucieczka – Flucht“ vom deutschen Theater Das Letzte Kleinod und Teatr Gdynia Główna als Aufführung im Güterwaggon beworben wurde, spielt tatsächlich nur ein kleiner Teil in den Waggons, zugleich aber auch der Höhepunkt (und definitiv der beste Teil). Den größten Teil des Stücks, das sich mit dem Zweiten Weltkrieg befasst und aus der Sicht von Zeitzeugen erzählt, beobachtet der Zuschauer vor dem Gleis.

 

Die schwierigste Fragestellung, mit der sich die Kunstschaffenden befassen mussten war, wie erzählt man vom Zweiten Weltkrieg, da man doch in jedem Land einen anderen Ansichtspunkt hat. Überall wird die Erinnerung anders kultiviert, die Rolle der Polen, Deutschen, Russen oder Litauer wird in jedem Land anders gesehen. Auf den geschichtlichen Hintergrund verzichtend, entschied man sich für eine hervorragende Lösung. Der Fokus liegt klar auf den Erinnerungen der Menschen. Dafür sammelten sie über einige Wochen hinweg Zeitzeugenaussagen, die im Stück „Ucieczka – Flucht“ kurz und inhaltlich komprimiert wurden. Manchmal werden sie uns durch die Schauspieler in Form weniger Sätze nähergebracht, manchmal benutzt man dafür Dutzende. Die kindlichen Eindrücke und Vorstellungskraft (die Zeitzeugen waren zur Zeit des Zweiten Weltkrieges im Kindesalter) helfen die damalige Realität wiederzugeben.

 

Da der Krieg viele Länder und Nationen getroffen hat, kommen die Schauspieler und Zeitzeugen, auf deren Geschichten das Skript basiert, aus unterschiedlichen Ländern. Erinnerungen zum Thema Krieg wurden in Kaliningrad, Gdynia und Frankfurt an der Oder gesammelt. Es spielen polnische Schauspieler (Iwo Bochat und Rados Radosław Smużny in Zusammenarbeit mit dem Koproduzenten Teatr Gdynia Główna), die Schauspielerin aus Polen (Matylda Magadena Roźniakowska, die seit Jahren in Deutschland lebt), Deutschland (Katja Tannert), aus Russland (Wlada Vladislava, die ebenfalls seit einigen Jahren in Deutschland lebt) und aus Kasachstan (Margarita Wiesner, seit Jahren in Deutschland lebend).

 

Das Stück in Gdynia wird fast vollständig auf Polnisch gespielt (im Fall Katja Tannert, die den Text phonetisch gelernt hat, manchmal leicht abgeändert). Wir erfahren über Spiele der Kinder vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, über ihr Leben unmittelbar vor der Kriegserfahrung (Der Krieg hat schließlich für jeden zu einem anderen Zeitpunkt begonnen, unter anderen Umständen als es in den Schulbüchern steht) und der Flucht. Wir erfahren kleine Geheimnisse und Liedchen der Protagonisten. Der erste einführende Teil, der vor den Güterwaggons stattfindet ist ein wenig zu lang, aber vom Das Letzte Kleinod Regisseur Jens- Erwin Siemssen durchaus interessant gestaltet.

 

Die Szenen in den Güterwaggons, in welchen die Schauspieler die dramatischsten Ereignisse erzählen, sind die wichtigsten und besten Momente der Aufführung. Die Schauspieler, die als Requisite nur riesige Kabelrollen haben, schaffen gestalten daraus unter anderem ein Auto, Tannenbaum oder Bühne. Die Geschichten erzählen von einer Welt voller Eindrücke und Gerüche aus der Sicht eines Kindes, das sich an den Kolonialladen erinnert wo es alles gab „von Nägeln bis zum Bleistift“. Oder die Dressur Krakauer Mädchen. Die lernen, den Deutschen zu dienen. Unter den Erinnerungen finden sich die ersten Kontakte mit Kriegsgefangenen, Bombardierungen und die erzwungene Flucht. Dieser Teil ist eindeutig der beste Teil dieser polnisch-deutschen Produktion, in dem das Publikum in vier Gruppen aufgeteilt die Güterwaggons betritt. In den einzelnen Waggons finden die größten Traumata statt, die von Zeitzeugen erzählt wurden. Gewalt, makabre Entdeckungen im Wald und die rührende und beste Szene, der versuchte Massenselbstmord der Dorfbewohnerinnen.

 

Einfallsreich wurden dabei die Güterwaggone eingesetzt, die zu einer besonderen und stark auf alle Sinne wirkenden Szene werden. Abgesehen von den sehr erschütternden Geschichten, machen die zuknallenden Türen, die Halbdunkelheit, verdächtige Geräusche die das Publikum in den folgenden Waggons hören, Eindruck. Positiv überrascht auch das Ende des Stücks, als die Protagonisten das Ziel erreichen und der Krieg zu Ende geht, denn das Ende des Krieges bedeutet neben der Euphorie auch das zählen der Verluste.

 

Jens- Erwin Siemssens „Ucieczka - Flucht“ ist ein hervorragendes Beispiel einer gelungenen Inszenierung in nicht theatralischem Raum. Obwohl das ein Dokumentartheater und kein Theaterstück voller Feuerwerke ist, hinterlässt es eine starke Wirkung, vor allem während der Szenen in den Güterwaggons. Das Ensemble spielt sehr gut und sauber, woraus man Matylda Magdalena Roźniakowska und Iwo Bochat hervorheben kann. Matylda fällt mit ihrem besonders authentischen Spiel während der dramatischsten Momente auf, Iwo bewährt sich sowohl in der Rolle des inoffiziellen Anführers des in Güterwaggons spielenden Teils, wie auch in jeder anderen Episode, an welcher er teilhat.

 

Das gesamte Team, zusammen mit Zindi Hausmann und den Musikern Szymon Jabłoński und Marcin Kozioł verdient großen Applaus. Es entstand ein Vorzeigestück, mit einer starken Wirkung auf das Publikum, das auf eine nicht banale Weise von dem Drama und der Grausamkeit des Zweiten Weltkrieges erzählt. Schade, dass man nur noch am 16. und 17. Juli um 19:00 Uhr Gelegenheit hat, sich die Aufführung anzuschauen. Danach fährt es weiter nach Piła, Poznań und Deutschland.



 
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