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Der Krieg ist vorbei?

Rezension von Katarzyna Gajewska 

Dziennik Teatralny Trójmiasto vom 18. Juli 2016

aus dem Polnischen von Julia Kawka

 

"Ucieczka" ist ein Dokumentartheater, das nicht nur wahre Geschichten von Migranten und Auswanderern erzählt. Es folgt auch selbst ihren Spuren, die von Polen nach Deutschland führen. Die Polnische Premiere war der Beginn einer Tournee auf der Eisenbahnstrecke: Gdynia - Piła - Poznań - Frankfurt an der Oder - Berlin - Lüneburg - Hannover - Bremerhaven, die am 26. August in Geestenseth endet. Gespielt wird an insgesamt zehn Bahnhöfen in beiden Ländern.

 

"Ucieczka" bricht den traditionellen Rahmen eines Theaters. Dabei entsteht deutlich mehr als nur Dokumentartheater, in dem man wie in einer Filmchronik die historischen Ereignisse verfolgt. Hier erlebt das Publikum hautnah, natürlich in begrenzten Rahmen, das Schicksal der Umsiedler und Flüchtlinge des Krieges. Der Text entstand aufgrund von wahren, persönlich erzählten Geschichten von Russen, Polen und Deutschen, welche als Kinder in der Zeit des Zweiten Weltkriegs Umsiedlung miterlebt haben.

 

Die Premiere in Gdynia fand auf einem Nebengleis in Gdynia- Orłowo statt. Eine unspektakuläre Gegend. Schließlich haben Bahnhofsgegenden - vor allem die nicht durch die Europäische Union renovierten, für gewöhnlich etwas melancholisches, etwas unvollendetes und angsteinflößendes.

 

Im ersten Teil des Stücks sitzt das Publikum auf Stühlen, die weit ausgedehnt vier Güterwaggons gegenüberstehen. Plötzlich rennen die Schauspieler auf die Bühne. Unklar ist, wo sie herkommen. Vielleicht aus dem Wald? Arm gekleidete Mädchen mit geflochtenen Zöpfen. Das Ensemble besteht aus zwei Polen (Iwo Bochat und Radosław Smużny), einer Deutschen - Katja Tannert, der in Deutschland ansässigen Polin Matylda Magdalena Roźniakowska, der aus Kasachstan stammenden Margarita Wiesner und Wlada Vladislava aus Russland. Alle sprechen, oder bemühen sich, Polnisch zu sprechen, was bemerkenswert ist. Ihr Polnisch weicht vielleicht vom Ideal ab, es ist nicht die Sprache, die die Zuschauer der Dreistadt (Gdansk, Zopot, Gdynia) gewohnt sind. Und doch hat es hier eine besondere Bedeutung. Polnisch, Deutsch und Russisch vermischen sich, man versteht nicht alles, was die Schauspieler sagen. Das ist gut so, schließlich ist Theater kein HD Film mit sorgfältig aufgenommener Synchronisation in der Ausführung berühmter Serien-Schauspieler. So musste man sich während des Zweiten Weltkrieges fühlen - plötzlich in einer babylonischen Sprachverwirrung.

 

Die Grundausstattung sind Kabelrollen, die in den Händen der Schauspieler zum Küchentisch, Tannenbaum, Kriegsgefangenen-Transport, Schutt, Schützengraben und schließlich zu Waggons werden, mit welchen Flüchtlinge vor der Front geflohen sind. Sie symbolisieren die Schwere, welche die Aussiedler ertragen mussten, die unglaublich schweren Voraussetzungen wie Hunger, bis zum Bauch reichender Schnee, Hoffnungslosigkeit. 

 

Während des ersten Teils sitzt das Publikum noch zusammen. Das ist jedoch nur die Einführung zum Hauptteil des Stücks, bei dem Treppen an die Güterwaggons gebaut werden. Die Zuschauer werden in vier Gruppen aufgeteilt und nacheinander in die Waggons geführt. Dort spielen sich intimere Szenen ab. Ein Protagonist erzählt vom Verbrennen der Leichen der Juden. Im nächsten Waggon hören wir die Geschichte eines Mädchens, das einen Massenselbstmord überlebt hat - die Frauen hängten sich, um einem schlimmeren Schicksal zu entkommen. Es gibt auch die Geschichte eines Mädchens, das mit ansehen musste wie ihre Mutter von Soldaten vergewaltigt wurde. Klaustrophobie, Dunkelheit, das Elend der Waggons und die schrecklichen Geschichten der Kinder, die den Krieg überlebt haben. Das, was obligatorisch jeder erfahren sollte, der den Weißen Adler auf dem T-Shirt trägt und Hassparolen über Flüchtlinge im Internet verbreitet.

 

Während des Stücks kommt einem "Transfer!" von Jan Klata in den Sinn. Auch dort treten im Schatten großer historischer Momente kleine, persönliche Geschichten hervor und wo der Einzelne endlich seine Geschichte erzählen darf. Geschichten von Aussiedlungen sind immer dramatisch, voller Leid, Schmerz und Tod, egal ob der Weg von West nach Ost oder vom Osten in den Westen führt. Aus Russland, Deutschland oder Syrien. Es ist nie gut, wenn man flüchten muss. Man sollte mitfühlen und helfen.

 

Die Aufführung nimmt ein glückliches Ende. Der Krieg ist vorbei -  das heißt, der Zweite Weltkrieg geht zu Ende. Die Protagonisten freuen sich, fallen einander in die Arme, umarmen das Publikum. Eine Schauspielerin kommt zu einer älteren Frau und sagt: "Wojna się skończyła", der Krieg ist vorbei! Die Frau antwortet mit Freude in der Stimme: "Tak, wojna się skończyła", ja der Krieg ist vorbei. Während sie sich zärtlich umarmen und auf die Wange küssen, habe ich einen Kloß im Hals. Vor allem, weil ich vorher gehört habe wie diese Frau sagte: "Ja, genau so war es, als wir gefahren sind." Die Schauspieler rufen: "Der Krieg ist vorbei." Das Publikum atmet auf, freut sich. Ich habe nur eine Frage im Kopf: Welches Kriegsende!? Der Krieg ist nicht vorbei, der Krieg hält an. In Frankreich, der Türkei und an vielen weiteren Orten. Orte von denen wir nicht einmal etwas wissen, weil das Fernsehen dort noch nicht angekommen ist oder schon längst wieder abgereist ist. Wir können nicht mehr behauten wir leben in Zeiten des Friedens. Der Krieg dauert an.

 

Fukuyama hatte unrecht, die Geschichte ist nicht zu Ende und Demokratie ist nicht das beste System. Es kann nicht sein, wenn so viele Menschen sie nicht leiden können. Demokratie ist auch keine Garantie für den Frieden oder Stabilisierung der Politik. Wir sind drauf reingefallen. Wir haben uns trügen lassen, dass Demokratie uns Glück, Ruhe und Reichtum bringt. Dass sie uns einen menschenwürdigen, ruhigen Tod bringt. Das Ende der Geschichte schließt die richtige Funktion der Demokratie aus. Um Demokratie, Frieden und Menschenrechte muss man unaufhörlich kämpfen - so wie diese Aufführung kämpft -  und wir müssen ununterbrochen in Bereitschaft und wachsam sein, denn wir können jeden Augenblick wieder in einem Güterwaggon eingesperrt werden. Sie stehen noch immer dort und warten auf uns.     

 
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