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Von Theaterpremieren und anderen Pilzen

Von Mel

 

Nuuk. Es sieht aus wie ein Pilz, hat auch eine Farbe wie ein Pilz. Nur wenn man daran riecht, kommt der Gedanke, das es sich um etwas Fremdes handelt. Etwas, das die europäische Nase nicht einzuordnen weiß. Mattak ist Walhaut 'mit ein bißchen Speckschicht noch mit dran.' Gerd (Nikolas Knauf) sitzt auf der Bühne und erzählt uns von seinem ersten Erlebnis mit eben diesem Mattak, wie er lange darauf herum kaute, wie es nach Tran schmeckte und nach Nuss.

An diesem Abend feiert die Gruppe norddeutscher Theaterleute die grönländische Premiere ihres Stücks 'Die verlorenen Söhne'. Weit sind sie gereist und haben dabei viel auf sich genommen, vielleicht nicht soviel wie ihre Protagonisten Eim und Gerd, aber immerhin. Nun sind sie der Einladung ihrer grönländischen Hauptdarstellerin Makka Kleist gefolgt, sitzen bei ihr und ihrem Mann im Wohnzimmer. Sie treffen dort nacheinander ein und sofort richten sich die Blicke nach draußen und in die Weite der Landschaft. Die Sonne geht unter, langsam und dennoch bestimmt sinkt sie hinter den Nuuk Fjord und verschmilzt mit den Bergen am Horizont.

Auf der anderen Seite leben keine Menschen, Niemandsland liegt vor uns. Es regnet kalte sanfte Regentropfen; ein Regenbogen bildet sich. Wir können uns nicht losreißen von diesem unwirklichen Anblick.

Nun steht der Pilz, der nach Nuss schmeckt, und eigentlich weder das eine noch das andere ist, auf dem Esstisch. Ungekocht und gekocht neben Reis, Curry Soße, Salat und Bier. Skeptische Blicke mischen sich mit Vorfreude. Etwas angespannt kaue ich Gerds und Makkas Anweisungen folgend auf der Walhaut herum und schlucke das dann ganz schnell herunter. Ich finde nicht, dass es nach Nuss schmeckt. Makka erzählt die Geschichte unseres Mattaks: Es stammt von einem Narwal, gefangen von einer Waljägerin im Norden Grönlands. Makka hatte es im März dort gekauft, kurz bevor sie nach Geestenseth aufbrach. Geestenseth ist nun so weit weg.


Es sieht aus wie Theater, hat auch die Farbe wie Theater. Und wenn man es näher kennenlernt, kommt der Gedanke, dass es sich um etwas Besonderes handelt. Das Letzte Kleinod hat mit seiner Geschichte über Spiekerooger Walfänger in Grönland einer Brücke geschlagen zwischen zwei sich auf den ersten Blick fremden Kulturen. Unsere Reise und die Geschichte der verlorenen Söhne schließt sich langsam und bestimmt. Wie die grönländlische Mitternachtssonne geht sie jedoch wohl nie ganz unter, denn wir nehmen sie mit uns in unsere europäische und beinahe fremd gewordene Heimat.

 

 
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