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Mein Lieber Bruder!


Jetzt bin ich in Geestenseth beim Kleinod und habe zusammen mit den anderen Kollegen in den Bahnwaggons Quartier bezogen. Wir sind fünf Spieler, eine Regieassistentin und ein Zivi, die im Zug wohnen, essen, tanzen und eine Menge miteinander Feines unternehmen.


Ich bin recht unschlüssig, wie ich es nennen soll. Bislang ist es eine Mischung aus WG und Abenteuerurlaub. Am ersten Arbeitstag hat Jens uns mit den Grundzügen der Geschichte, von der unser Stück handelt, vertraut gemacht, wir haben Interviews gehört und uns sehr plastisch und pragmatisch mit konkreten Begebenheiten der Stückzeit beschäftigt. Am nächsten Tag haben wir einen Ausflug gemacht, wir saßen alle im theatereigenen VW-Bus, blau wie die Waggons, hatten Äpfel aus Jens Garten und er hat uns ans Grab von Anton Biehl geführt, das ist einer von unseren Stückhelden; wir waren im Watt, vor dem wir dann spielen werden und zum Kaffee und Kuchen zu Gast, bei einer Dame deren kürzlich verstorbener Mann, ein versierter Biehl-Kenner, Jens ein Interview gegeben hat über ebendiesen Biehl. Im Haus gegenüber haben wir zufällig noch einen älteren Schiffszimmermann beim Mauern einer Mauer getroffen - der hat uns noch ein typisches Bauernhaus speziell der Region hinterm Deich, der "Marsch", gezeigt und sehr spannend und irrsinnig sympathisch viele Details der damaligen Zeit erzählt. Insgesammt bin ich äußerst überrascht, wie freundlich und vor allem offen die Norden hier sind. Danach kam der Höhepunkt unserer Feldforschung: das Kluvstockspringen. Ein Kluvstock, gesprochen "Klüf", ist ein etwa sechs Meter langer Fichten/Tannenstab, der glatt geschliffen ist und am unteren Ende eine runde Scheibe verschraubt hat. Dieses Ende taucht man ins Wasser eines Grabens (vielleicht war es mal Wasser, jetzt ist es eher mitunter schwarze, stinkende Jauche), hält sich kräftig dran fest, springt ab und segelt mit den Beinen voran auf die andere Seite. Früher war das eine Technik, um über die Gräben zu kommen, bei der Jagd oder wenn schießwütige Franzosen hinter einem her waren und mit ihren wendigen, aber zu kleinen Pferden nicht drüber springen konnten. Heute veranstaltet das Dorf Mulsum-Wierde eine Meisterschaft, an der wir nächstes Wochenende teilnehmen dürfen. Es macht irren Spaß, besonders uns Jungs hat es angefixt und Manu hat sich auch schon heldenhaft zum Ehrenbürger von Mulsum-Wierde getauft - bis zum Kinn saß er in der Brühe. Wie viel Freude er uns damit bereitet hat, brauch ich dir nicht zu sagen. Ich freue mich schon sehr auf das Turnier, auch um mehr Eindrücke von den locals zu bekommen - es weckt nicht nur meine Neugierde, ich frag mich auch, wie es sich auf mein Spiel auswirkt. Bis hierhin erlebe ich es als große Bereicherung, vor allem auch die total gelöste und superschöne Arbeitsatmosphäre, in der wir uns einlassen können.


Ich umarme dich und hoffe, du bist wohlauf!


Dein Peter

 
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