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Wir wollen nicht auf die Bühne

Die Deutsche Bühne

September 2009

 

Hartmut Krug

 

Es hat tagsüber kräftig geregnet, und während das Publikum bei untergehender Sonne die kleine Zuschauertribüne am Strand von Cuxhaven erobert, werden deren Sitze noch trocken gewischt. Von hier aus hat man einen wunderbaren Blick auf einen der meistbefahrenen Seewege der Welt, vorbei an einer großen Kugelbake auf einer Buhne an der Mündung der Elbe in der Nordsee. Ein stetiger Strom von riesigen Containerschiffen und kleinen Kuttern bildet die ‚Kulisse’ für das Stück ‚King of Tonga’. Indem die Theatergruppe Das Letzte Kleinod hier den Strand bespielt, an dem der Seemann Hinrich Meyer, geboren 1830 im Alten Land hinterm Elbdeich bei Jork, einst vorbei gesegelt sein muss, um später als Schiffbrüchiger auf Tonga zu landen, wie die Dorfchronik verzeichnet, findet die Theatergruppe eine phantastische und natürliche Bühne für ihr Dokumentarstück über Fernweh.

 

Wer Aufführungen der Gruppe Das Letzte Kleinod erleben will, muss mit ihr auf Expeditionen zu ungewöhnlichen Orten gehen. Auch wenn die Gruppe Decken, Wärmflaschen und auch schon mal Mumienschlafsäcke für ihr Publikum bereit hält, sollte man wetterfest ausgerüstet und warm angezogen sein. Denn man spielt nicht in Theatergebäuden, sondern inszeniert an offenen Orten und historischen Gebäuden. Nicht vordringlich wegen ihres fremden, ungewöhnlichen Reizes, sondern um deren Geschichte in Geschichten zu befragen und deren Bedeutung für heute zu erkunden. Industriebrachen, Hafenanlagen, Inseln und Kulturlandschaften sind die Orte dieses ‚site-specific theatre’.

 

Die Inszenierungen der 1991 in Amsterdam gegründeten Theatergruppe Das letzte Kleinod stehen in der Tradition der holländischen Theater op locatie-Bewegung. Die Gruppe um ihren künstlerischen Leiter Jens-Erwin Siemssen hat ein Stück über den Polarforscher Alfred Wegener in einem Kühlhaus bei minus 24 Grad gezeigt, sie hat sich den deutsch-isländischen Fischereikonflikt in einem Netzboden und einer Fischmarkthalle in Cuxhaven und Island vorgenommen, und sie führte ein Stück über den deutschen Kolonisten Carl Peters im Cuxhavener Fort Kugelbake sowie im ehemaligen Sitz der Kolonialregierung in Bagamoyo in Tansania vor. Sogar die Marinefestung Langlütjen auf einer lange unzugänglichen Insel in der Wesermündung und das Watt bei Sahlenburg hat die Gruppe als Spielorte für ihre historisch-sinnlichen Dokumentarstücke entdeckt. Und mit ihrem Stück ‚Samaria – going to the land of milk and honey’ erzählten sie Geschichten von Auswanderern mit Zeitzeugen-Material an originalen Schauplätzen: am Pier 21 im kanadischen Halifax und auf dem riesigen Cuxhavener Steubenhöft mit seiner langen Zollabfertigungshalle.

 

Jedem Stück geht eine sorgfältige Recherche voraus. Als szenisches Material werden nur der vorgefundene Ort und historische Alltagsdinge benutzt. Bei ‚Samaria’ sind dies Koffer und Kofferwagen, aber auch einriesiger Kran, an dem die Gangway heranschwebt. Erzählt werden, in Deutsch und Englisch, nicht nur Geschichten von Ab- und Überfahrt, sonder auch von der Ankunft und dem Alltag in Kanada und von der Vergangenheit, von dem, was sie erlebt haben in Krieg und Nationalsozialismus. Wie immer gibt es dabei keine stringente Geschichte, die illustriert wird, sondern man umkreist das Geschehen mit disparaten Erinnerungsmaterialien. Mit solcherart theatraler oral history setzt die Gruppe ihre regionalen Geschichten immer auch in Bezug zu anderen Teilen der Welt.

 

Jens-Erwin Siemssen hat Figurentheater in Stuttgart und Objekttheater in Amsterdam studiert. Seine Inszenierungen sind gleichermaßen von Bildhaftigkeit wie von Körperlichkeit geprägt. Wenn Hinrich in ‚Kind of Tonga’ von der fernen Buhne eine Tonne herbeischleppt, dann trägt er mit ihr auch in der Fremde die eigene Kultur auf dem Buckel. Wie in dieser Inszenierung mit blauen Tonnen und ihren Deckeln bildlich, metaphorisch und darstellerisch gearbeitet wird, das ist so einfallsreich wie einfach. Mal stecken die Figuren in den Tonnen fest, mal benutzen sie diese zur rollenden Annäherung, dann wieder bauen sie sie zu Kanonen und Arbeitsmittelum. Mit den Tonnen wird das Kommunikations- und Annäherungsproblem zwischen zwei unterschiedlichen Kulturen auf überzeugende Weise versinnlicht.

 

Ob der Seemann Hinrich Meyer wirklich eine Häuptlingstocher geheiratet hat und 1845 zum König Georg Tupou I. gekrönt worden ist, bleibt in der Aufführung nicht zufällig offen. Es geht Jens-Erwin Siemssen in seiner Inszenierung ‚um Sehnsüchte, die Erfüllung von Sehnsüchten, aber auch das Scheitern.’ Siemssen hat nicht nur an der Unterelbe in Gemeindearchiven recherchiert und Interviews geführt, sondern auch auf Tonga mit traditionellen Geschichtenerzählern, dem Archivar des Königs und deutschen Auswanderern gesprochen. Ganz bewusst wird keine lineare Geschichte geboten, sondern das Thema ‚Sehnsucht and der Nordsee nach der Südsee’ mit vielfältigem Textmaterial umkreist. Es stammt von Tongalesen, die in Deutschland leben, wie von Deutschen, die nach Tonga ausgewandert sind. Das Material aus alten Quellen und aktuellen Interviews wurde auf acht Figuren aufgeteilt, deren Rollen von nur drei Darstellern gegeben werden. Dazu verkörpert eine tongalesische Tänzerin, indem sie in fremder Sprache singt und aus fremdem Bewegungskanon schöpft, das Bild von der Verheißung einer anderen Kultur. Indem von der schwierigen Kontaktaufnahme zwischen Menschen aus unterschiedlichen Kulturen vor der realen Kulisse des maritimen Handelsverkehrs erzählt wird, erhalten die Geschichten von Migrationen nach Tonga oder Deutschland und dem Aufeinanderprallen von zwei Kulturen eine zusätzliche Bildhaftigkeit.

 

Das Letzte Kleinod besteht aus einem kleinen Kern von Mitarbeitern, zu dem für jede Produktion neu gecastete Schauspieler hinzukommen. Die Produktionsstätte des Theaters sind sieben eigene Eisenbahnwaggons, die an der Bahnlinie zwischen Bremerhaven und Buxtehude am Bahnhof Geestenseth stehen. Mit einer Lok fährt das Theater zu den Spielstätten, und wen es keinen Bahnanschluss gibt, behilft man sich mit Zelten. Im Winter fährt der Zug als rollendes Kindertheater durch die Region. Die letzte Uraufführung der Gruppe fand am Strand von Spiekeroog statt (später wurde auch bei Cuxaven und Bremerhaven gespielt). Hier, wo im Herbst 1854 die Dreimastbark Johanne mit Auswanderern von Bremerhaven nach Amerika im Sturm strandete und siebzig Menschen ertranken, wird der ‚Untergang der Johanne’ nicht nachgespielt, sondern es wird vom Unglück wie von den Lebensumständen der Insulaner und der meist hessischen Auswanderer erzählt: mit Strandgut und historischem Ackergerät (ein Rübenspaten kann da zu einem ertrunkenen Kind werden), und mit Schauspielern, die auf dem weiten Strand klare, einfache Bilder bauen. Das ist kein Spektakel, sondern realistisches, bildhaftes und sinnliches Erzähltheater. In Hessisch, in Platt und in Hochdeutsch, und bestimmt von Licht, Wind, Wetter und der Landschaft. Vergleichbares Dokumentartheater wie das der Gruppe Das Letzte Kleinod kenne ich nicht. Mit seiner nächsten Produktion will das Theater Anfang September ein 1980 eingestelltes Rittergut in Altluneberg erkunden und den Ort erstmals wieder der Öffentlichkeit zugänglich machen. Jeweils 30 Personen können an der 70-minütigen begehbaren Inszenierung teilnehmen. Natürlich wird ‚warme und wetterfeste Kleidung empfohlen.’

 
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